Kapitel aus: Harzreise von Heinrich Heine ersch. 1824 /
Rezitation: Cornelia Leitz-Kühn (Foto) /
Anmerkung: Der junge Heinrich Heine wandert 1824 durch den Harz: Von Göttingen über Goslar und den Brocken bis nach Ilsenburg und wieder zurück. Mit der „Harzreise“ gelingt ihm der literarische Durchbruch.
(Auszug)
Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, ge-
hört dem Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse
Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine
Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbei-
fließende Bach heißt »die Leine«, und dient des Sommers zum Baden;
das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, daß Lüder
wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang.
Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten,
wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr
lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort im-
matrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dassel-
be graue, altkluge Ansehen, und war schon vollständig eingerichtet
mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Teedansants, Wäscherinnen,
Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen,
Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und
anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der
Völkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals
ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückgelassen,
und davon stammten all die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen,
Sachsen, Thüringer usw., die noch heutzutage in Göttingen, horden-
weis, und geschieden durch Farben der Mützen und der Pfeifenquäste,
über die Weenderstraße einherziehen, auf den blutigen Walstätten der
Rasenmühle, des Ritschenkrugs und Bovdens sich ewig untereinander
herumschlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit
der Völkerwanderung dahinleben, und teils durch ihre Duces, welche
Haupthähne heißen, teils durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches
Comment heißt und in den legibus barbarorum eine Stelle verdient,
regiert werden.
Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Stu-
denten, Professoren, Philister und Vieh; welche vier Stände doch
nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der be-
deutendste. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen und
unordentlichen Professoren hier herzuzählen, wäre zu weitläufig;
auch sind mir in diesem Augenblick nicht alle Studentennamen im
Gedächtnisse, und unter den Professoren sind manche, die noch gar
keinen Namen haben. Die Zahl der Göttinger Philister muß sehr groß
sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn
ich sie des Morgens, mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen
Rechnungen, vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufge-
pflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lum-
penpack erschaffen konnte.
Ausführlicheres über die Stadt Göttingen läßt sich sehr bequem nach-
lesen in der Topographie derselben von K. F. H. Marx. Obzwar ich
gegen den Verfasser, der mein Arzt war und mir sehr viel Liebes er-
zeigte, die heiligsten Verpflichtungen hege, so kann ich doch sein
Werk nicht unbedingt empfehlen, und ich muß tadeln, daß er jener
falschen Meinung, als hätten die Göttingerinnen allzu große Füße,
nicht streng genug widerspricht. Ja, ich habe mich sogar seit Jahr und
Tag mit einer ernsten Widerlegung dieser Meinung beschäftigt, ich
habe deshalb vergleichende Anatomie gehört, die seltensten Werke
auf der Bibliothek exzerpiert, auf der Weenderstraße stundenlang die
Füße der vorübergehenden Damen studiert, und in der grundgelehrten
Abhandlung, so die Resultate dieser Studien enthalten wird, spreche
ich 1. von den Füßen überhaupt, 2. von den Füßen bei den Alten, 3.
von den Füßen der Elefanten, 4. von den Füßen der Göttingerinnen, 5.
stelle ich alles zusammen, was über diese Füße auf Ullrichs Garten
schon gesagt worden, 6. betrachte ich diese Füße in ihrem Zusam-
menhang, und verbreite mich bei dieser Gelegenheit auch über Wa-
den, Knie usw., und endlich 7., wenn ich nur so großes Papier auf-
treiben kann, füge ich noch hinzu einige Kupfertafeln mit dem Faksi-
mile göttingischer Damenfüße. –
Es war noch sehr früh, als ich Göttingen verließ, und der gelehrte **
lag gewiß noch im Bette und träumte wie gewöhnlich: er wandle in
einem schönen Garten, auf dessen Beeten lauter weiße, mit Zitaten
beschriebene Papierchen wachsen, die im Sonnenlichte lieblich glän-
zen, und von denen er hier und da mehrere pflückt, und mühsam in
ein neues Beet verpflanzt, während die Nachtigallen mit ihren süßes-
ten Tönen sein altes Herz erfreuen
Siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinric...
https://www.projekt-gutenberg.org/hei...
https://www.sueddeutsche.de/leben/deu...
https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6...
https://de.wikipedia.org/wiki/Corneli...
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