Sagen aus Wittstock und der Ostprignitz: Nebelschwaden hängen wie Geisterhände zwischen den Stämmen.Tief im Schoß eines vergessenen Hügels hockt es – das graue Männlein. Seine Finger sind knöchern, seine Augen trüb vom jahrhundertelangen Starren auf das Gold. Klick. Klack. Das rhythmische Geräusch von Goldmünzen, die aufeinanderfallen. Ein Schatz, verflucht und heilig zugleich, reserviert für den Tag, an dem Wittstock erneut in Schutt und Asche fällt. So erzählt die Sage von Krügers Tannen. Macht euch für die Reise bereit mit der Münze der Zeit.
Ein Trupp Männer aus Zempow, Zechlin, Berlinchen die Gesichter rußgeschwärzt, die Augen geweitet vor Gier und Angst. Sie kommunizieren nur durch Handzeichen. Ein gesprochenes Wort, so besagt der Bann, und die Erde wird sie verschlingen. Sie erreichen die Stelle. Dort, wo ein unnatürliches, bläuliches Feuer lautlos aus dem Waldboden züngelt. Die Spaten graben sich in das weiche Moos, dann in harten Lehm. Schweiß vermischt sich mit Dreck. Klong. Eisen trifft auf Metall.
Sie legen die Truhe frei – ein massives Ungetüm aus schwarzem Eichenholz und beschlagenem Eisen. Mit massiven Hebebäumen stemmen sie sich gegen das Gewicht. Die Truhe ächzt. Sie kommt Millimeter um Millimeter nach oben. Das Gold im Inneren scheint durch die Ritzen zu glühen.
Plötzlich zerreißt ein bizarres Geräusch die Stille der Nacht. Ein infernalisches Rasseln. Die Männer erstarren. Auf der Straße rast ein Phantom vorbei: Ein riesiger Frachtwagen, doch die Zugtiere sind keine Pferde – Mäuse peitschen den Wagen voran. Die Männer beißen sich auf die Lippen. Schweigen.
Doch der Wald will ihr Wort.
Ein Donnern erschüttert den Boden. Ein Schatten, so groß wie die Tannen selbst, bricht aus dem Unterholz. Die Gestalt reitet auf einem Hahn, dessen Krallen den Boden zerfetzen. Der Reiter – ein Albtraum aus der Dunkelheit – beugt sich zu ihnen herab. Sein Atem riecht nach Erde und Grabesruhe.
„WIE LANGE“, dröhnt seine Stimme wie ein berstender Fels, „MUSS ICH NOCH REITEN, BIS ICH DAS FUHRWERK EINHOLE?“
Die Gier kämpft gegen den Instinkt. Die Truhe ist fast oben. Nur noch ein Ruck.
Einer der Männer, den Wahnsinn in den Augen, vergisst die Welt um sich herum. Er sieht nur das Scheitern des Reiters. Ein spöttisches Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen.
„Det holst nich ein!“, bricht es aus ihm heraus.
Stille. Eine Sekunde des absoluten Vakuums.
Dann ein Schrei, der nicht von den Männern kommt, sondern von der Erde selbst. Die Hebebäume splittern wie Streichhölzer. Die Truhe gleitet in die Tiefe, als würde sie von unsichtbaren Klauen nach unten gerissen.
Ein Windstoß fegt durch die Tannen, das blaue Feuer erlischt. Zurück bleibt nur ein gähnendes, leeres Loch im Boden. Kein Männlein, kein Gold, kein Reiter. Nur das hämische Rauschen der Blätter.
Die Stelle ist schnell zugewachsen. Die Natur hat ihr Geheimnis zurückgeholt. Doch wer nachts an Krügers Tannen vorbeifährt, hört manchmal noch immer dieses Geräusch: Klick. Klack. Das Zählen der Münzen, die niemals ausgegeben werden.
Ein Kurzfilm von Klaus Falk
KI-generierte Visualisierung 2026
Quelle: Heimatsagen der Ostprignitz von Dr. Wolfgang Dost.
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