Der Tag der Arbeit 2020: keine Kundgebungen und erst recht kein Grund zum Feiern. In der jetzigen Corona-Krise, sagt Sozialwissenschaftler Stefan Sell, werde endlich sichtbar, was Berufsgruppen wie Pflegekräfte, Kassiererinnen oder Lkw-Fahrer seit eh und je für die Gesellschaft leisten. Gleichzeitig würden aber auch Strukturprobleme sichtbar, die seit den 1980er-Jahren ungelöst sind. Die Corona-Krise bedroht unseren Arbeitsmarkt wie nichts zuvor, sagt der Sozialwissenschaftler im Gespräch mit Anja Reschke im After Corona Club.
Hier geht's zur Playlist vom After Corona Club
• After Corona Club: Zu Gast bei Anja Reschke
"Systemrelevant" - wer hätte gedacht, dass dies einmal von Pflegekräften, Kassiererinnen oder Lkw-Fahrern gesagt würde? Dabei ist das längst überfällig, betont Professor Stefan Sell. Er ist Volkswirt an der Uni Konstanz und leitet in Koblenz das Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung, hat aber in seinen jungen Jahren den Beruf des Krankenpflegers erlernt. In der jetzigen Corona-Krise, sagt er, wird endlich sichtbar, was diese Berufsgruppen seit eh und je für die Gesellschaft leisten. Gleichzeitig würden aber auch Strukturprobleme sichtbar, die seit den 1980er-Jahren ungelöst sind. Am Tag der Arbeit 2020 ist Sell trotzdem skeptisch.
Kein Weißer Ritter aus der Politik in Sicht
"Meine Antwort muss leider zwiegespalten ausfallen", sagt Sell auf die Frage, ob die Krise denn nun den Druck auf die Politik verstärke, endlich etwas für die schlechter bezahlten Berufsgruppen zu tun. "Der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Pflegekräfte in den Heimen liegt bei zehn Prozent", im Einzelhandel sei es kaum besser. Er erlebe in seinen Gesprächen mit Pflegekräften oder Verkäuferinnen seit vielen Jahren eine bestimmte Haltung, die er gar nicht bewerten möchte: Sie würden auf einen Weißen Ritter aus der Politik warten, der auf dem Pferd angeritten käme und ihre Bedingungen verbessere. "Aber diesen Weißen Ritter aus der Politik gibt es nicht; die Betroffenen müssen sich selber in harten Auseinandersetzungen ihre Verbesserungen erkämpfen."
Hohes Risiko, in alte Strukturen zurückzufallen
Kurzfristige Maßnahmen in der Krise dürften, so Sell, die dringend notwendige Grundsatzdebatte über das Lohngefälle in unserem Land nicht ersetzen. "Ich sehe bereits, dass die Diskussion dahin geht, die alte Normalität wieder herstellen zu wollen. Die Gefahr ist sehr, sehr groß, dass wir am Ende der Krise in die alten Strukturen zurückfallen." Zu diesen alten Strukturen zählt für Sell die "Tarif-Flucht" in vielen Branchen, die zu Wildwuchs und schlechter Bezahlung geführt habe. Und auch bei der Kurzarbeit gebe es eine regelrechte Klassengesellschaft - der Ausgleich der Verdienstausfälle sei extrem unterschiedlich. "Diese alten Ungleichheitsstrukturen, die wir auf dem Arbeitsmarkt schon vor Corona hatten, werden jetzt nochmal richtig brutal scharf gestellt. Umso wichtiger ist es, auch mit Blick auf den Tag der Arbeit, die vielen bisher unsichtbaren Menschen ins Scheinwerferlicht zu stellen."
Corona: Ganz anders als die Krise von 2008
Der Hauptunterschied zur Finanzmarktkrise von 2008/2009, sagt Stefan Sell, liege darin, wer diesmal betroffen ist. Damals waren es die Banken und großen Industrieunternehmen. Heute ist es die gesamte Binnenwirtschaft. "2009 konnte man während der Krise essen gehen, Sie konnten in Urlaub fahren, zum Friseur gehen. Es waren vor allem die Industrie-Arbeitnehmer, die in Kurzarbeit geschickt wurden." Dass die Wirtschaft sich von dieser Krise relativ schnell erholte, lag daran, dass "die Chinesen ein Riesenkonjunkturprogramm auflegten und davon haben die deutschen exportorientierten Firmen ganz rasch profitiert".
Die Binnenwirtschaft mit Dienstleistern, Kneipen, Restaurants und etlichem anderen wieder flott zu kriegen, wird dagegen viel schwerer sein. "Die Leute werden doch im Sommer oder Herbst nicht dreimal die Woche essen gehen, um den Wirten etwas Gutes zu tun." Der Weg werde hart, sagt Sell. Vor allem hofft er, dass es für die schlechter Bezahlten nicht dabei bleibt, dass sie eine Krise lang allabendlich beklatscht wurden.
After Corona Club: Gesprächsformat mit Anja Reschke
Stefan Sell ist zu Gast im After Corona Club, in dem Anja Reschke mit Fachleuten aus Psychologie, Wirtschaft, Soziologie, Politik, Medizin und weiteren Wissenschaften spricht.
https://www.ndr.de/aftercoronaclub
Den After Corona Club gibt es auch als Audio-Podcast
https://www.ndr.de/nachrichten/info/p...
#arbeitsmarkt #kurzarbeit #corona
Информация по комментариям в разработке