»Ich halt’s nicht mehr aus. Wirklich, mir reicht’s, mir platzt gleich der Kragen. Mir steht’s bis hier. Wenn ich jetzt auf einen nichtswürdigen Dickwanst träfe, der nicht bei drei auf dem Baum ist, würde ich ihn in den Kot werfen und den Fuß auf sein kupfernes Antlitz setzen. Wenn ich wöllte, könnte ich.... Aber das mache ich natürlich nicht. Mein Rechtsgefühl gleicht einer Goldwaage. Aber ich habe Unrecht erfahren und ich muss mich dazu verhalten. Also klebe ich mich auf die Straße. Nein, Spaß, ich stelle mich mit der Mistgabel an eine Fähre und schaue, ob sich der Politiker runter traut. Nein, Spaß, ich schreibe einen wütenden langen Text im Feuilleton. Nein, Spaß, ich werde Instagram-Aktivistin. Nein, Spaß, ich mache ein Theaterstück zum Thema und kann dann endlich wieder ruhig schlafen, denn ich habe mich ja öffentlich zum Unrecht verhalten. Oder nicht?« Der Pferdehändler Kohlhaas ist wütend. Ein dreister Junker profiliert sich durch erfundene Vorschriften, nimmt ihm zwei quietschfidele Rappen zum Pfand ab, richtet sie zugrunde und misshandelt seinen braven Knecht. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen und begibt sich auf seinem Rachefeldzug in eine Gewaltspirale erschreckenden Ausmaßes. Wo wäre der Punkt gewesen, sich zufrieden zu geben? Mehr und mehr Menschen drängen in letzter Zeit auf die Straßen, um von ihrem Recht, zu protestieren, Gebrauch zu machen. Welche Form von Protest ist Zeichen einer lebendigen Demokratie und an welchem Punkt sind die Folgen des Protestes schlimmer, als das Unrecht, das sie zu bekämpfen suchen? Wieviele Unbeteiligte dürfen Schaden nehmen, was in Mitleidenschaft gezogen werden, um ein Zeichen zu setzen? Und wie verdammt nochmal sollen wir es finden, das richtige Maß? Das sind Fragen, die wir tagtäglich miteinander aushandeln. Das Ensemble untersucht in dieser Weiterschreibung von Heinrich von Kleists Novelle, ob wir in einer fragmentierten Gesellschaft dazu noch fähig sind und wo zur Hölle sie sein könnte, die Normalmoral.
Eine Maßlosigkeit von Kleist, David & Ensemble
Regie: Rebekka David | Bühne: Robin Metzer | Kostüme: Florian Kiehl | Musik: Camill Jammal | Dramaturgie: Nadja Groß | Mit: Jacob Z. Eckstein, Karolina Horster, Janko Kahle, Birte Schrein, Daniel Stock
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