Lukas Haselböck,
Traumprotokolle nach Theodor W.
Adorno für Tenor, Posaune, Violine
und Klavier (2013)
Uraufführung im Arnold-Schönberg-Center am 2.12.2013 mit
Alexander Kaimbacher (Tenor)
Erich Kojeder (Posaune)
Johannes Dickbauer (Violine)
Gernot Schedlberger (Klavier)
Jaime Wolfson (Dirigent)
Die Texte stammen aus: Theodor W. Adorno, "Traumprotokolle" (hrsg. von Christoph Gödde, Suhrkamp: Frankfurt/M. 2005)
I.
Ich sollte [...] gekreuzigt werden. [...] Thassilo von Winterfeldt fragte mich, ob ich schon einmal gekreuzigt worden sei. Er erklärte
mir, die Kreuzigung sei doch sehr unangenehm. Ich solle unbedingt Freiübungen machen, um den Körper zu durchbluten, damit nicht Starre und Krampf einträten. Während ich versuchte, ihm zu erklären, eben dies sei das Ziel der Kreuzigung, wachte ich auf. (S. 68)
II.
[...] ein großer Festball [...]. Ich tanzte dabei mit einer riesigen braungelben Dogge [...]. Er ging aufrecht und war im Frack. Ich
überließ mich ganz der Dogge und hatte, zum Tanzen überaus unbegabt, das Gefühl, zum ersten Mal in meinem Leben tanzen zu
können, sicher und hemmungslos. Zuweilen küssten wir uns, der Hund und ich. Höchst befriedigt aufgewacht. (S. 70)
III.
Hinrichtungsszene. [...] eine Schar nackter, athletischer junger Männer. [...] Die Hinrichtung erfolgte nach dem Prinzip des self service. Jeder lief zu dem Guillotine-Automaten, [...] kam ohne Kopf wieder heraus, taumelte ein paar Schritte und fiel tot nieder.
[...] Da beobachtete ich einen Jüngling genau. Nach einigen Schritten überschlug er sich mehrmals wie im salto mortale und fiel
gerade auf eine andere Leiche. Alles völlig wort- und lautlos. (S. 43)
IV.
Der heilige Carl Borromäus habe versucht, dem Gekreuzigten in den After zu kriechen. Durch ein Wunder habe sich dieser geöffnet, und Borromäus sei ganz darin verschwunden, deswegen habe man ihn heilig gesprochen. [...] Die Kirche heißt danach: St. Borromäus im Gedärme, im oberbayrischen Volksmund: St. Borromäus im Oarsch. (S. 60)
V.
Ich hatte eine unbeschreiblich schöne und elegante Geliebte [...], ich war überaus stolz auf sie. Sie sagte mir, ich müsse mir unbedingt eine Schwanz-Wasch-Maschine anschaffen. Auf meinen Einwand, ich badete doch jeden Tag und hielte mich überaus sauber, erwiderte sie, nur jene Maschine garantiere es, daß man an jener Stelle von jedem störenden Geruch frei sei; nur wenn ich mir eine kaufe, werde sie mich stets mit dem Mund lieben. [...] Lachend aufgewacht. (S. 84f.)
VI.
Ich hörte Hitlers unverkennbare Stimme aus Lautsprechern tönen mit einer Ansprache: »Da gestern meine einzige Tochter einem tragischen Unglücksfall zum Opfer gefallen ist, so ordne ich zur Sühne an, daß heute sämtliche Züge entgleisen.« Laut lachend aufgewacht. (S. 59)
VII.
Ich träumte: Was kann man denn dem alten Hahn zum 85. Geburtstag schenken, etwas, wovon er etwas hat. -- Antwort: einen Führer durch das Totenreich. (S. 30)
VIII.
Mit G. hörte ich in einem Konzert ein großes Vokalwerk [...]. Darin spielte ein Affe eine hervorragende Rolle. Ich erklärte ihr, das sei der Affe aus dem Lied von der Erde, der dort weggegangen sei und nun hier gastiere, nach allgemeiner Praxis. (S. 67)
IX.
Ich träumte, ich solle gekreuzigt werden. Die Kreuzigung fand bei der Bockenheimer Warte [...] statt. Der ganze Vorgang war frei
von Angst. Bockenheim glich einem sonntäglichen Dorf, totenhaft friedlich, wie unter Glas. Ich betrachtete es auf dem Spaziergang
zum Richtplatz mit der größten Aufmerksamkeit. Ich glaubte nämlich, aus dem Aussehen der Dinge an diesem meinem letzten Tag etwas Bestimmtes über das Jenseits entnehmen zu können. (S. 16)
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